Neurobiologie


Relevante Gehirnareale und Gehirnstrukturen


Um zu verstehen, was beim menschlichen Erleben im Gehirn abläuft, fasse ich relevante Gehirnareale und Gehirnstrukturen vereinfacht zusammen (Abb. 1).

Der Hirnstamm nimmt Informationen aus dem Körper auf und reguliert Grundfunktionen wie Herzschlag und Atmung. Diese Funktionen des vegetativen Nervensystems laufen autonom ab (Bottom-Up-Regulation). Wir können sie nicht willentlich steuern. Der Hirnstamm kann unter Umständen rasch Energie mobilisieren und überlebensnotwendige Reaktionen wie Angriff, Flucht und Erstarren auslösen (Siegel1).

Das limbische System arbeitet eng mit dem Hirnstamm und dem Körper zusammen. Dabei erzeugt es die Grundtriebe, die Gefühle und die Bindungsfähigkeit. Es spielt dank des Hypothalamus, der die endokrinen Drüsen steuert, eine wichtige regulierende Rolle. Die Amygdala hat sich bei Angstreaktionen als wichtiges Alarmzentrum erwiesen. Der Hippocampus verbindet weit auseinanderliegende Hirnbereiche miteinander. Dazu zählen Wahrnehmungsbereiche, Erinnerungszentren und Sprachzentren (Siegel1).

Die Grosshirnrinde (der Kortex) erlaubt es uns, mit den Sinnen wahrzunehmen, willkürliche Bewegungen zu machen und zu planen. Evolutionsgeschichtlich als letztes hat sich der präfrontale Kortex entwickelt, der uns abstrakt und symbolisch denken lässt. Er ist verbunden mit Selbstgefühl, Kommunikation, emotionaler Ausgeglichenheit, Angstmodulation und moralischem Bewusstsein (Siegel1). Wir können durch ihn unser Verhalten von der unmittelbaren Reizsituation abkoppeln. Der präfrontale Kortex ist massgeblich an der willentlichen Selbstregulation (Top-Down-Regulation) beteiligt.




Abb. 1: Vereinfachte Darstellung der relevanten Gehirnareale und Gehirnstrukturen



Zwei Gehirnhälften


Das Grosshirn gliedert sich in zwei Gehirnhälften (Hemisphären), die durch den Balken (Corpus Callosum) miteinander verbunden sind. Die linke Gehirnhälfte innerviert die rechte Körperseite und die rechte Gehirnhälfte innerviert die linke Körperseite. „Innervieren“ heisst dabei „mit Nerven ausstatten“. Beide Hemisphären unterscheiden sich in ihrem Charakter und ihrer Zuständigkeit. Die linke Hemisphäre ist eher zuständig für Logik, Analyse, Sprachstruktur, Lesen, Schreiben, Zählen, Rechnen, Zeitempfinden und lineares Denken. Die rechte Hemisphäre kann komplexe Zusammenhänge ganzheitlich erfassen, folgt Bildern, Symbolen, Analogien und Assoziationen, ist für Musik, Gerüche, Muster, Träume und Intuition zuständig.

Je nach Tätigkeit, die ein Mensch ausführt, dominiert jeweils eine der beiden Hemisphären. Geht es darum, vernünftige Leistungen zu produzieren, dominiert die linke Gehirnhälfte. Wird Kreatives geschaffen, dominiert die rechte Gehirnhälfte. In Gefahrensituationen schaltet das Gehirn automatisch auf die Dominanz der rechten Gehirnhälfte um. Mit analytischer Vorgehensweise kann die gefährliche Situation nicht bewältigt werden. Das ganzheitliche Begreifen kann helfen, situationsadäquat zu handeln.

Auch wenn eine Hemisphäre dominiert, stehen dem Menschen auch die Informationen der anderen Hemisphäre zu Verfügung. Über den Balken läuft ein ständiger Informationsaustausch ab. Das Gehirn ist ein komplexes System, bei dem die linke und die rechte Hälfte interagieren. Sowohl analytisches Problemlösen als auch kreatives Denken können sich im Zusammenspiel zwischen verschiedenen beidseitigen Gehirnregionen erst maximal entfalten.



Implizite und explizite Erinnerungen


Implizite Erinnerungen sind Erfahrungen, die uns beeinflussen, ohne dass uns die Erinnerungen bewusst werden. Sie prägen sich im Laufe unseres Lebens im impliziten Gedächtnis ein. Es handelt sich z.B. um automatisierte Fähigkeiten wie das Radfahren oder um Ängste nach vergangenen Erfahrungen (Quarks2). Ein Grossteil unserer Wahrnehmungen, Emotionen, Körperempfindungen und Verhaltensweisen laufen unbewusst ab (Siegel1).

Explizite Erinnerungen bestehen aus unseren autobiografischen Erinnerungen und unserem Wissen. Autobiografische Erinnerungen können wir räumlich und zeitlich verorten. Sie werden im episodischen Gedächtnis gespeichert, während gelernte Fakten im semantischen Gedächtnis gespeichert werden. Eine zentrale Gehirnstruktur für das explizite Gedächtnis ist der Hippocampus (Quarks2).


Die Fortsetzung des Texts und der Bezug zur Kunsttherapie folgen.

Monika Gloor, 2022



  1. 1: Siegel, D. J. (2012). Mindsight - Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation. 6. Auflage. München: Goldmann Verlag. ↩︎

  2. 2: Quarks. (2020). Autobiografisches Gedächtnis. Abgerufen 12.03.2022: https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/darum-kannst-du-dich-nicht-an-deine-ersten-lebensjahre-erinnern/↩︎